Ein MOOC oder Massively Open Online Course ist ein Online-Seminar, bei dem die Teilnehmerzahl nahezu unbegrenzt ist – über 100.000 Lernende sind keine Seltenheit. Angeboten werden sie, speziell in den USA, von renommierten Lehranstalten wie Universitäten, Museen oder Bibliotheken (die Ivy League ist stark vertreten). Das Spannende daran ist, dass man ortsunabhängig die Möglichkeit hat, an einem Seminar auf Universitäts-Niveau teilzunehmen. Auch bei den Plattformen gibt es ein wenig Auswahl: Bekannt sind mindestens iTunesU, Coursera, EDx und Udacity. Alle vier haben gewisse Schwerpunkte und Eigenheiten.

Gamification

 

Die Kurse

In einigen Fällen, etwa bei iTunesU, stellen die Lehranstalten einfach Videos von Vorlesungen oder Vorträgen ins Netz, die man sich nach Belieben anschauen kann. Bei Coursera gibt es tatsächlich einen Seminarplan. Die Dauer der Kurse variiert, zwischen sechs und zwölf Wochen sind üblich. Jeden Montag erscheint ein neues Set von Videos, die insgesamt meist zwischen ein und zwei Stunden Laufzeit haben. Dazu gibt es Aufgaben, die man von Woche zu Woche erledigen und über die Plattform einreichen muss. Foren ermöglichen eine Diskussion unter den Lernenden, aber auch mit den Lehrenden und deren Assistenten. Jeder Kurs endet mit einer Multiple Choice-Klausur. Während der Laufzeit variieren die Aufgaben: Es können Texte zu schreiben sein, die dann im Peer Review-Verfahren korrigiert werden (hier muss jeder Kursteilnehmer die Einreichungen von vier bis fünf anderen bewerten), Multiple Choice-Tests oder anderes. Ist der Kurs vorüber, bekommt man für das erfolgreiche Absolvieren ein Zertifikat. Die Videos bleiben in den meisten Fällen online, man kann sich das Material also auch nachträglich noch anschauen, wenn man den eigentlichen Kurs verpasst hat.

 

Meine Erfahrungen mit Coursera

Ich persönlich bin chronisch neugierig und beschäftige mich immer mal gern mit einem anderen Thema, habe aber nur ein begrenztes Zeitkontingent zur Verfügung. Beim Lesen von „The Best of Both Worlds“, einem E-Book, mit dem das Smithsonian Einblicke in seine Reise durch die digitale Welt gibt, bin ich mehr oder weniger zufällig auf diese Option gestoßen. Eigentlich ohne konkretes Ziel schaute ich mir Coursera an und entdeckte sofort mehrere Seminare, die ich unbedingt machen musste! Aufgrund der Struktur klang dieses Angebot in meinen Augen nicht nur ergänzend für Studenten, sondern auch und gerade für Menschen, die bereits eine andere Tätigkeit ausüben, unwiderstehlich. Die Teilnahme ist kostenlos, man bekommt in kuratierter Form Informationen vermittelt, die man sich sonst mühsam zusammensuchen müsste, und man ist dabei frei in seiner Zeiteinteilung. Warum also nicht einen Versuch machen?

Meine Wahl fiel auf ein Seminar zum Thema Gamification, zur Verfügung gestellt von der University of Pennsylvania. Damit wollte ich mich schon länger mal gründlich beschäftigen, hatte bereits hier und da etwas gelesen, aber nicht das Gefühl, wirklich einen Überblick über die Techniken und Möglichkeiten zu haben. Ich schrieb mich ein und stellte schnell fest, dass das Niveau hoch und die Plattform tatsächlich in der Lage ist, das Gefühl der Teilnahme an einem „echten“ Seminar zu vermitteln. In den Videos bekam ich von Professor Kevin Werbach in komprimierter Form die wesentlichen Fakten, Theorien und Quellen vermittelt – ich saß mit Stift und Notizbuch vor dem Laptop und schrieb eifrig mit. Danach musste ich mein neu erworbenes Wissen in Multiple Choice-Tests überprüfen und, noch interessanter, in praktischen Aufgaben anwenden. Wir mussten gamifizierte Systeme nach bestimmten Vorgaben entwerfen und uns dann selbst und gegenseitig evaluieren. Auch von der Peer Review war ich angenehm überrascht – man bekam so genaue Vorgaben, wofür wie viele Punkte zu vergeben wären, dass eigentlich wenig schief gehen konnte. Natürlich las ich dann auch das Buch des Professors und einige weitere, aber das würde man an der Uni schließlich auch tun, wenn das Thema spannend genug ist. Das Seminar war aber so konzipiert, dass man es auch vollkommen ohne „Beiwerk“ absolvieren und dabei das Wesentliche lernen konnte.

Screenshot: Seminar von Kevin Werbach auf coursera.org, 2014

Screenshot: Seminar von Kevin Werbach auf coursera.org, 2014

Lernen on the go

Inzwischen nutze ich auch die Apps fürs iPhone und das iPad. Besonders praktisch finde ich, dass man die Möglichkeit, sich die Videos aufs Gerät zu laden, sodass man sie beispielsweise während einer Bahnfahrt anschauen kann, ohne vom Netz abhängig zu sein. Nach dem ersten Seminar habe ich mir auch eins anschaut, das bereits vorüber war („Video Games and Learning“). Hier versuchte ich gar nicht erst, konzentriert mitzuschreiben. Stattdessen nutzte ich die Videos wie ein Hörbuch – ich lud sie mir aufs iPhone und hörte sie mir während des Fahrens an. Da sich die optische Ebene im Wesentlichen auf einen sprechenden und gestikulierenden Dozenten beschränkte, ließ ich das Gerät einfach in seiner Hülle. So kam ich nicht in Versuchung, hinzuschauen und hörte einfach nur zu. Eine tolle Art, die Zeit, die man als Pendler täglich im Stau verbringt, produktiv zu nutzen!

 

Das Potenzial für Museen

In Museen findet man Menschen, die sich mit sehr speziellen Themen sehr gut auskennen. Viele von ihnen verfügen auch über didaktische Fähigkeiten, und dennoch ist ihre Reichweite begrenzt. Es gibt (natürlich abgesehen vom pädagogischen Programm!) Vorträge im Haus, man fährt gelegentlich auf Fachkonferenzen und publiziert vielleicht. Das ist schön, erreicht aber nur bestimmte Zielgruppen. Der Mehraufwand, solche Vorträge zu filmen und ins Netz zu stellen, ist überschaubar. Wäre das nicht eine gute Sache? Plattformen wie Coursera würden die Konzeption eines kompletten Seminars erfordern – das wäre toll, wird aber an den Ressourcen scheitern. Andere aber wie iTunesU machen es relativ leicht, Inhalte zur Verfügung zu stellen. Und was dort verfügbar ist, kann von sehr viel mehr Menschen, unabhängig von räumlicher Nähe und dem Zeitfaktor, gefunden und genutzt werden. Eigentlich ganz im Sinne einer digitalen Strategie also. Werden wir also in Zukunft derartige Videos auch von deutschen Museen finden können? Ich würde es begrüßen…